Wie Konflikte entstehen und Sie diese vermeiden können – Teil 2/2
Inhaltsverzeichnis
Rückblick
Im vorangegangen Artikel haben wir uns genauer angesehen, wie Konflikte entstehen, und welche Ursachen bei den Konfliktbeteiligten vorliegen können. Um diese unangenehmen Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen, schauen wir uns in diesem Artikel an:
Wie vermeide ich Konflikte?
An den vier möglichen Ursachen für Konflikte wird deutlich, dass es einige Anknüpfungspunkte an unserer persönlichen Entwicklung gibt:
- Die Bewusstwerdung eigener Bedürfnisse
- Ein gesunder & sozial verträglicher Umgang mit den eigenen Bedürfnissen
- Die Reflexion & Veränderung des eigenen Konfliktverhaltens
- Eine Auseinandersetzung mit wiederkehrenden Schwierigkeiten in Konflikten
Sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst werden
Warum fällt uns der Zugang zu unseren eigenen Bedürfnissen eigentlich häufig so schwer? Die Freudsche‘ Psychoanalyse liefert hierfür eine anschauliche Erklärung, das Eisbergmodell:
Bedürfnisse bewegen sich zwischen
vorbewusster & unbewusster Ebene
Freud konnte in seinen Studien feststellen, dass ein Großteil unserer alltäglichen Handlungen erheblich beeinflusst werden von etwas, das er das „Unbewusste“ nannte. Bedürfnisse, Ängste, verdrängte Konflikte (!) und vieles Andere liegen auf diesen vor- und unbewusstenen Ebenen. Einen Zugang zu den eigenen unbewussten Anteilen zu erlangen, ist naturgemäß alles andere als einfach – manche sagen unmöglich. Aus eigener Erfahrung als Klient und auch als Coach kann ich aber festhalten, dass die Auseinandersetzung mit sich selbst Erkenntnisse und Veränderungen zu Tage fördern kann, die ohne diesen „Blick nach Innen“ kaum möglich gewesen wären.
Im Coaching passiert genau das: Die Klient:in setzt sich in einem vom Coach vorgegebenen Rahmen mit sich selbst auseinander. Wir können aber auch im Alltag einen intensiveren Kontakt mit uns selbst pflegen, indem wir uns selbst und unsere Gefühle bewusster wahrnehmen.
- Wie fühle ich mich jetzt gerade?
- ... Und wie ist es jetzt?
- Was hat sich verändert?
- Wie erkläre ich mir diese Veränderung?
- Was verrät mir meine Erklärung über mich selbst?
Gemäß seiner Bedürfnisse handeln & kommunizieren
Sind wir uns erst einmal unserer Bedürfnisse bewusst, können wir unser Handeln danach ausrichten. Grundsätzlich ist das natürlich ein nie abgeschlossener Prozess, sondern ein kontinuierliches mit sich selbst in Kontakt gehen. Und, um es nochmal ganz klar zu sagen: Der beste Indikator dafür ist das eigene Gefühl. Wenn wir unsere Gefühle als etwas begreifen, das uns etwas über uns selbst verraten will (nämlich über unser Unbewusstes!), ist das schon ein riesiger Gewinn.
Um einen ersten, bewussteren Umgang mit Ihren eigenen Bedürfnissen zu pflegen, könnten Sie einmal folgendes ausprobieren:
- Beobachten Sie, welche Ihrer Bedürfnisse sich Ihnen in Ihrem Alltag zeigen (wie im vorherigen Abschnitt beschrieben) – hier nochmal die Bedürfnisliste zur Inspiration.
- Notieren Sie diese Bedürfnisse und ordnen Sie jedem dieser Bedürfnisse einen Wert von 0 (komplett unerfüllt) bis 10 (vollständig erfüllt) zu. Denken Sie nicht zu lange über die Zahlen noch, sondern vertrauen Sie ihrem Bauchgefühl. Ihr Bauch darf Sie auch überraschen!
- Überlegen Sie sich, welche Strategien Sie in der Vergangenheit schon erfolgreich verfolgt haben, um die unerfüllten Bedürfnisse zu befriedigen und notieren sie diese. (Also zum Beispiel mit einer guten Freundin einen Wein trinken gehen (Strategie), wenn Ihr Bedürfnis nach Freundschaft unerfüllt ist)
- Sortieren Sie ihre Strategien danach, welche Ihnen am besten gefallen und die Sie auch kurzfristig umsetzen könnten, wenn Sie wieder einen Bedürfnismangel feststellen.
Bleibt noch die Frage, wie wir unsere Bedürfnisse angemessen kommunizieren können. Dieser Frage werde ich einen eigenen Blog-Artikel widmen, da das Thema Kommunikation immer wieder aufkommt und deshalb mehr Raum verdient.
Sein Konflitkverhalten reflektieren & verändern
Wenn Menschen Konflikte als schwierig erleben, hat das in der Regel sehr individuelle Gründe. Daher sind allgemeine Ratschläge mit großer Vorsicht zu genießen. Ich möchte Sie daher dazu ermuntern, dass Sie für sich selbst prüfen, auf wieviel Zuspruch meine folgende Empfehlung bei Ihnen stößt.
Im Konflikt-Beispiel aus Teil 1, wo einer der Beteiligten zu einem vereinbarten Treffen zu spät erscheint, liegt die Vermutung nahe, dass sich beide Beteiligten wünschen (bewusst oder unbewusst), von der jeweils anderen Person in ihrem verletzten Bedürfnis gesehen und verstanden zu werden („Ich kann verstehen, dass du dich über mein Zuspätkommen ärgerst.“). Und man kann schon ahnen, welchen alternativen Verlauf das Gespräch wahrscheinlich genommen hätte, wenn einer der Beiden dieses Verständnis gezeigt hätte.
Für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten lässt sich daraus die (vielleicht unbequeme) Erkenntnis ableiten:
Erst verstehen, dann verstanden werden.
Stephen R. Covey, „Die 7 Wege zur Effektivität"
Ich lade Sie hiermit ein, im nächsten (bevorstehenden) Konflikt sich einmal ganz bewusst dafür zu entscheiden, zu erst Ihrem Gegenüber aufrichtiges Verständnis zu zeigen. Natürlich nur, wenn dieses Verständnis auch aufrichtig vorhanden ist – Ihr Gegenüber wird bemerken, wenn Sie ihm etwas vormachen.
Wie hat sich das Gespräch danach entwickelt? Wie leicht ist es Ihnen gefallen, zu erst den Anderen zu verstehen? Was macht es Ihnen vielleicht schwer?
Sie haben Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten oder möchten Ihr Konfliktverhalten verbessern?
Leidvolle Erfahrungen identifizieren und damit Frieden schließen
Hier bewegen wir uns in einen sehr sensiblen Bereich rein und daher möchte ich Sie erneut darum bitten, sorgsam mit sich selbst umzugehen, wenn Sie sich dessen widmen wollen. So verschieden die individuellen Lebenserfahrungen sind, so wertlos sind pauschale Ratschläge an dieser Stelle, außer vielleicht dem: Suchen Sie sich Unterstützung bei einem Coach, Therapeuten oder Ihrem Hausarzt, wenn Sie sich überfordert fühlen (ein verantwortungsvoller Coach wird Sie zu Letzteren weitervermitteln, wenn das Thema seine Grenzen überschreitet).
Sollten Sie sich dazu entscheiden, sich alleine Ihr Thema anschauen zu wollen (und um das ganz klar hier zu sagen: Das ist keine Empfehlung, sondern Ihre Entscheidung! Im Zweifel rate ich stets sich professionelle Unterstützung zu suchen.), können Sie Folgendes ausprobieren:
- Erinnern Sie sich an eine für sie bedeutende Situation zurück, in der es ihnen nicht gut ging. Alternativ: Beobachten Sie sich selbst in einer Situation, in der sie sich in dem Moment unwohl fühlen.
- Notieren Sie, was Sie in dieser Situation gefühlt haben.
- Notieren Sie, was Sie in dieser Situationen über sich selbst gedacht haben, zum Beispiel: „Ich bin nicht genug“. (Weitere Beispiele finden sie hier)
- Überprüfen Sie den Wahrheitsgehalt dieser Aussage
- Überprüfen Sie, welchen praktischen Vorteil diese Aussage bisher in Ihrem Leben für Sie hatte („Ich bin nicht genug“ führte vielleicht Mal dazu, dass ich in Situationen vorsichtiger war, wo ich mich sonst in ein gefährliches Risiko gestürzt hätte).
- Formulieren Sie Ihre bisherige Aussage um, zu einer neuen Aussage, die Ihnen besser gefällt und die auch besser zu ihrem heutigen Leben passt. Zum Beispiel: „Ich schätze, was ich bin“.
- Verankern Sie diese neue Aussage in Ihrem Alltag. Was können Sie noch heute Abend tun, um sie in Ihr Leben einkehren zu lassen? Welches Ritual könnten Sie in Ihren Alltag integrieren, um die neue Aussage zu festigen? Schließen Sie einen Vertrag mit sich selbst, der beschreibt, was sie konkret zukünftig anders machen werden. Notieren Sie den neuen Satz auf einem Blatt oder zeichnen Sie ein passendes Bild und begrüßen Sie ihn in Ihrem Leben.
- Arbeiten Sie beständig und mit Geduld daran. Was sich über Jahre eingeprägt hat, braucht Zeit, um verabschiedet zu werden.
Zusammenfassung
Wir konnten in desem Artikel sehen, dass eine Auseinandersetzung mit unseren eigenen Bedürfnissen, Wünschen und vielleicht auch leidvollen Erfahrungen erheblich dazu beitragen kann, dass Konflikte unwahrscheinlicher werden. Entsteht dann trotzdem eine angespannte Situation im Kontakt mit Mitmenschen, sind wir jetzt mit einigen Werkzeugen ausgestattet, um dem eigentlichen Kern des Streits auf die Schliche zu kommen.
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