Wie wir an unserer Kommunikation wachsen können
Inhaltsverzeichnis
Für ein besseres Miteinander
In meinem Artikel dazu, wie Konflikte entstehen, habe ich beschrieben, dass es vielen Menschen schwer fällt, ihre Bedürfnisse angemessen zu kommunizieren. In der Folge entstehen Auseinandersetzungen oder gar Streitigkeiten und keiner der Beteiligten weiß am Ende mehr, womit eigentlich alles begonnen hat.
Um es im Miteinander erst gar nicht so weit kommen zu lassen, lohnt sich ein Blick in Richtung eines populären Ansatzes namens „Gewaltfreie Kommunikation“ (GfK). Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshal B. Rosenberg beschreibt ein Konzept, das ein völlig anderen zwischenmenschlichen Kontakt ermöglicht, als wir sonst häufig im Alltag erleben. Dieser Ansatz hat zum Ziel, friedvolle, erfüllende private und berufliche Beziehungen zu führen.
Wie funktioniert Gewaltfreie Kommunikation?
Bedürfnis statt Strategie
In den allermeisten Diskussionen, Auseinandersetzungen oder Streitgesprächen, debattieren die Beteiligten darüber, welche Position / Auffassung / Vorgehensweise – also Strategie – die „richtige“ ist. Die Problematik hierbei ist, dass diese Strategien häufig so formuliert und gedacht werden, dass sie andere Strategien ausschließen und schon entsteht der Konflikt: Links oder rechts herum? Zu Fuß oder mit dem Auto? Autoritär oder demokratisch? Vorsichtig zurückhaltend oder offensiv vorausgehend?
Ein wesentlicher Bestandteil der GfK besteht darin, dass hinter jeder Strategie ein bestimmtes Bedürfnis liegt, dessen wir uns nicht notwendigerweise bewusst sind. Ein Beispiel:
- Herr und Frau Müller hatten für heute Abend vereinbart, gemeinsam etwas zu unternehmen. Was genau sie unternehmen, hatten sie bisher noch nicht geklärt.
- Frau Müller stellt an diesem Abend fest, dass sie sich nicht so richtig motivieren kann, etwas zu unternehmen, möchte ihrem Mann aber auch nicht absagen. Sie schlägt vor, gemeinsam fern zu sehen.
- Herr Müller ist irritiert, hatte er doch mit "unternehmen" etwas anderes verbunden ... Er schlägt vor, sie könnten doch Mal wieder in das Restaurant, in dem sie früher immer zusammen waren.
- Frau Müller ist genervt, ist sie ihrem Mann doch schon extra entgegen gekommen obwohl sie eigentlich lieber Zeit alleine verbringen würde. Sie verteidigt ihre Idee indem sie lang und breit erklärt, warum es doch genau so gut sei, zusammen einen schönen Film zu Hause zu schauen.
- Herr Müller versteht die Welt nicht mehr und wird ärgerlich über die Situation
Wie man sich vorstellen kann, kann diese Situation noch beliebig weiter eskalieren. Welche Bedürfnisse könnten Herr und Frau Müller haben (die beide in dieser Situation nicht artikulieren)? Denken Sie einmal kurz selbst darüber nach, bevor Sie sich die zwei möglichen Antworten anschauen:
Bedürfnisse von Herrn Müller
Herr Müller könnte ein Bedürfnis haben nach ...
Bedürfnisse von Frau Müller
Frau Müller könnte ein Bedürfnis haben nach...
* Das sind natürlich nur erste Ideen. Welche Bedürfnisse tatsächlich dahinterstecken, ist im Einzelfall anzuschauen.
Auf den ersten Blick scheinen die beiden keine große Gemeinsamkeit in ihren Bedürfnissen zu haben. Und tatsächlich kann es auch sein, dass Herr und Frau Müller in ihrer Abendgestaltung nicht zusammenkommen, selbst wenn sie sich über ihre Bedürfnisse austauschen. Es kann aber auch sein, dass durch das Sprechen über das, was jeden einzelnen bewegt, etwas unerwartetes passiert: Gegenseitiges Mitgefühl. Offenbaren beide einander, was sie in diesem Moment wirklich bewegt, passiert es nicht selten, dass sich auf einer gefühlten Ebene etwas verändert. Eine Übereinkunft folgender Art könnte dann entstehen:
- Frau Müller gesteht, dass sie sich heute Abend doch eher etwas Entspannung wünscht (Bedürfnis nach Ruhe), weil ihre Arbeitswoche unerwartet anstregend war und sie heute komplett gerädert ist.
- Herr Müller kann das gut nachvollziehen, kennt er doch die Arbeitsbelastung, unter der seine Frau steht. Er hätte sich eigentlich über etwas aktives heute Abend gefreut (Bedürfnis nach Abenteuer), war seine Woche im Vergleich dazu doch sehr entspannt. Er sehnt sich aber auch nach etwas Gesellschaft seiner Frau (Bedürfnis nach Nähe), haben sich die beiden in letzter Zeit doch wenig gesehen.
- Frau Müller kann auch das gut nachvollziehen und schlägt vor, dass beide doch vielleicht zusammen nebenan in die Sauna gehen könnten (Strategie). Dabei könnte Frau Müller etwas entspannen und Herr Müller könnte etwas Zeit mit seiner Frau verbringen.
- Zusätzlich einigen sich beide darauf, dass Herr Müller sich für danach noch mit ein paar Freunden in der Kneipe verabredet, um sein Bedürfnis ausleben zu können. Frau Müller profitiert ebenfalls davon, weil sie dadurch noch etwas Zeit für sich gewinnt.
Es fällt ihnen schwer, Ihre Bedürfnisse mit den Bedürfnissen anderer zu vereinbaren?
Oder geraten Sie häufig in Streitigkeiten?
Haltung statt Methode
In Rhetorik- oder Kommunikationsseminaren werden nicht selten Werkzeuge und Methoden vermittelt, mit denen die Kommunikation verbessert werden können soll. Zwischenmenschliche Kommunikation als etwas „mechanisches“ zu begreifen, für das es nur die richtigen Kniffe braucht, um zu erreichen, was es zu erreichen gilt, greift nicht nur zu kurz. Immer wieder sind die vermittelten Techniken auch manipulativ und übergriffig mit der Intention, das Gegenüber für seine ganz persönlichen Zwecke zu „gebrauchen“.
Gewaltfreie Kommunikation ist mehr als bloß eine Methode. Es bezieht die Haltung, die persönliche Entwicklung der Beteiligten mit ein. Wesentlicher Bestandteil dieses Aspektes ist, sich mit seinen eigenen Gefühlen & Bedürfnissen kontinuierlich auseinanderzusetzen. Allein das führt schon zu einer viel nachhaltigeren, authentischeren und erfüllenderen Form menschlicher Beziehungen. Haltung zu bewahren bedeutet, auch unter widrigen Umständen einer inneren Überzeugung zu folgen. Widrige Umstände könnten zum Beispiel unangenehme, emotional herausfordernde Situationen sein. Die Haltung, in die man durch das bewusstes Praktizieren von GfK hereinwächst, ist gekennzeichnet von Demut, Bedürfnisgewahrsein und Empathie.
Beobachtung statt Bewertung
Das „höher, schneller, weiter“ unserer westlichen Konsumgesellschaft ist sprachlich sehr geprägt von Bewertungen. Schon von Klein auf wird unser Verhalten nicht selten bereits im Kindergarten beurteilt. Doch auch in der Familie, unter Freunden und erst Recht auf der Arbeit reduziert sich unser Miteinander immer wieder auf gegenseitige Werturteile.
Was dabei oft unbewusst bleibt, ist die Tatsache, dass unsere Bewertungen Ausdruck unserer Bedürfnisse, Wünsche und Ängste sind. Sehen wir uns gar in unserer Bedürfniserfüllung bedroht, besteht die Möglichkeit, dass wir unser Gegenüber verurteilen. Psychisch betrachtet, versuchen wir mit Verurteilungen und Abwertungen Anderer uns selbst zu schützen. So nachvollziehbar diese Schutzfunktion ist, so sozialunverträglich kann sie sein.
In der GfK nehmen wir als Praktizierende stattdessen bewusst einen beobachtenden Modus ein. Da wir wissen, das sich hinter dem Gesagten unseres Gegenübers dessen Bedürfnisse verbergen, begegnen wir ihm wohlwollend, empathisch und zuhörend – eben „gewaltfrei“. Und genau so schauen wir auch auf uns selbst. Die Feststellung mag trivial erscheinen, gibt es aber doch immer wieder Menschen, die sich selbst teils noch härter verurteilen, als ihre Mitmenschen.
Der gewaltfreie Vierschritt
Doch wie kommuniziert man denn nun genau gewaltfrei? Schauen wir uns den Vierschritt der GfK einmal am obigen fiktiven Beispiel von Herrn und Frau Müller an, dabei nehmen wir die Perspektive von Herrn Müller ein:
1) Beobachtung
„Ich habe wahrgenommen, dass du eben tief durchgeatmet hast, als ich von unserer Abendplanung gesprochen habe.“
2) Gefühl
„Das hat in mir eine Unsicherheit ausgelöst, weil ich befürchte, du könntest unseren Termin absagen wollen.“
3) Bedürfnis
„In letzter Zeit habe ich gemeinsame Unternehmungen mit dir sehr vermisst, weil ich gerne Zeit mit dir verbringe.“
4) Wunsch
„Bitte verrate mir, was es mit deinem tiefen Durchatmen auf sich hat, damit ich es einordnen kann.“
Die Sicht von Herrn Müller in diesen Vierschritt in der Form zu unterteilen, wirkt vermutlich etwas gestelzt. Aber die Darstellung hilft, um das Prinzip zu veranschaulichen: Die GfK unterscheidet die vier Ebenen Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Wunsch – in dieser Reihenfolge. Doch warum unterteilt die GfK überhaupt in diesen vier Ebenen?
Zum Einen geht es, wie bereits beschrieben immer um die (Nicht-)Erfüllung unserer Bedürfnisse. Wenn wir also von uns selbst und unserem Gegenüber die Bedürfnisse kennen, erlaubt uns das passende Strategien zur Bedürfniserfüllung zu finden. Im Idealfall sind das Strategien, die allen Bedürfnissen gerecht werden können.
Zum Anderen können wir von unserem Gegenüber besser dessen Wahrnehmung annehmen, wenn sie vorwurfsfrei und ohne Abwertungen geäußert wird (andersherum gilt natürlich dasselbe…).
Und letztlich erlaubt uns diese Unterscheidung zu erkennen, was uns selbst im Kern umtreibt. An diesen Erkenntnissen können wir wachsen. Daher steht an aller erster Stelle der GfK die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Dann können wir auch zunehmend erkennen, dass hinter der manchmal harten Fassade unseres Gegenübers auch nur etwas steckt, das gesehen werden möchte:
“Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die genau das am schwierigsten macht”.
Marshall B. Rosenberg
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